Nichts Neues im Wald.

Wie seltsam, dass man sich mit der Zeit nicht nur dem Partner und der Hauskatze, sondern auch seiner Umgebung angleicht, in unserem Fall: dem Wald. Man wird still wie die Bäume oder ein Stück Moos. Ich glaube, die Skepsis, die manche Freunde und Bekannte anfangs ganz unverhohlen über unsere Blog-Ambitionen äusserten, hat uns nun eingeholt. Wir schreiben keine grossen Notizen mehr. Meine bäuerlichen Vorfahren haben jeweils in ihren Jahreskalendern das Wetter notiert, was ich immer lustig fand, aber wenig aussagekräftig und keiner Erinnerung wert. Inzwischen verstehe ich sie. Dieses Jahr habe auch ich meistens über das Wetter geschrieben („sehr trocken“, „noch immer kein Regen“, „Flieder seit Wochen abhängig von unserem Wohlwollen“.) Jetzt hat es ein wenig gebessert. Auch wenn noch immer kein Regen in Aussicht ist; der Tau bringt neue Feuchtigkeit. Und er hat auch uns aufgefrischt und aufgeweckt. Wir gehen einen Schritt weiter, wir lassen diesen Blog hinter uns. Er bleibt noch aufgeschaltet, in nicht allzu ferner Zukunft unter der Adresse: zumwegwart.wordpress.com.

Statt die Städter auf digitalem Weg zu uns zu holen, gehen wir auf realem Weg zu ihnen. Knorz wird sich den Lieferwagen von seinem Freund Luis ausborgen, schliesslich werden wir mit dem Duo Sera Landhaus und seinen vielen Instrumenten unterwegs sein. Die beiden sind spätestens seit unserem gemeinsamen Auftritt im letzten Dezember gern gesehene Freunde und Gäste im Wegwart geworden, und zu viert machen wir uns jetzt wieder auf und erzählen nochmals etwas Neues aus dem Wald.

SPIELDATEN „NEUES AUS DEM WALD“:

– 8. November, 20:00 im Schlösslekeller, Vaduz
– 23. November, 21:00 in der Kulturspinnerei, Bern
– 4. Dezember, 19:00 im Raum für Literatur (Hauptpost), St. Gallen

Kommt zahlreich, und ansonsten: Geniesst den Herbst mit allem, was dazugehört (siehe Bild). Und später den Winter, den Frühling, und alle Sommer, die noch kommen. Und singt mit uns ein Abschiedslied!

 

Winterpause

Ich bin nur kurz raus, um die kalte Asche auszuleeren. Da haben sie mich aus dem Hinterhalt überfallen. Jemand hat mich gepackt, schon lag ich im Schnee, hatte Schnee im Nacken und im Hosenbund, war nass bis zu den Socken. „Outside the freezing Night“, rief die Bassgeigerin. „Ihr mit euren Liedern!“, habe ich hysterisch zurückgegeben, und schnell einen Schneeball geformt. „Und ihr mit eurer Bloggerei!“, kam es zurück. Knorz stand ein wenig abseits und streckte friedlich die Zunge raus, um Flocken aufzufangen. „Gehen wir rein!“, schlug er vor, „ich mache uns heisse Zimtmilch!“ Wenig später wärmten wir uns am Kamin auf. Die Bassgeigerin sass mit angezogenen Knien im Sessel und summte schläfrig vor sich hin; der Gitarrist blätterte in einem Heft mit Strickmustern. Gerade, als es Zeit wurde, über das Nachtessen nachzudenken, kam Rasmus und verharrte in der Mitte des Salons, unschlüssig, für wessen Schoss er sich entscheiden sollte. Ich war gespannt, und die anderen waren es auch, ihre Gesichter verrieten es. Wir sind alle gespannt. Auch darauf, was zum Vorschein kommt, wenn der Winter vorbei ist und der Schnee wieder schmilzt. Ob wir darunter noch den Wegwart finden werden, wie wir ihn jetzt ein Jahr lang gekannt haben. Ob es im nächsten Jahr noch immer einen Ort wie den Wegwart geben kann, und im Jahr darauf, und immer so weiter…
Denn selbst wenn es uns manchmal so vorkommt: Auch hier bleibt die Zeit nicht stehen. Aber so lange wir noch Schneeschaufeln und Heizen und das Haus in Schuss halten müssen, so lange der Wegwart uns beschäftigt, so lange bleibt er vor solchen Fragen unser Schutz.

Sera Landhaus, Knorz, Lupine
Aus dem Wald auf die Bühne. Rechts im Bild: die Bassgeigerin und der Gitarrist von Sera Landhaus.

Arbeiten

Rezepte für das schöne Leben (5)

Dass man wirklich am Arbeiten ist, merkt man daran, dass man an einem frühen Sonntagvormittag zwar den Blick vom Bildschirm hebt, ein bisschen sehnsüchtig den verschneiten Waldrand hochschaut und denkt, vielleicht ist nach dem Mittag noch Zeit für einen kleinen Spaziergang – dass man nach dem Essen dann aber doch nur schnell ein wenig Milch für den Kaffee aufschäumt und mit der Tasse in der Hand zurück ins Gästezimmer geht, wo die anderen schon auf einen warten. Stunden später, wenn es draussen bereits dunkel geworden ist, streckt man müde und glücklich den heissen Kopf aus dem Fenster in die Kälte und man sieht, dass es draussen die ganze Zeit weitergeschneit hat.

(Der Gitarrist und die Bassgeigerin und Knorz und ich, wir hecken etwas aus! Bald kommen wir damit in die Stadt.)

2017-12-03 20.19.26
Unsere Musiker schleppen bei jedem Besuch neue Instrumente in den Wegwart…
2017-12-03 13.55.19
…als wäre der Vorrat unerschöpflich. Fehlt nur noch ein antikes Stubenklavier.

Blumen für Pius

Gestern Abend. Wir hatten vor dem Schlafengehen gelüftet und ich wollte gerade das Fenster wieder zumachen, da hörte ich eine laute Männerstimme. Es klang nach Beschimpfungen. Ich spähte ins Dunkel, konnte zunächst nichts erkennen, bis plötzlich die automatische Beleuchtung im Hof anging (ein Überbleibsel aus M. und P.’s Zeit als Gastwirte). Da sehe ich, wie jemand im Schein der Lampe aufs Haus zu torkelt, in perfekten Schlangenlinien, wie einer, der im Film den Betrunkenen spielt. Es dauert einen Moment, bis ich den Bauern Pius erkenne, dessen Name, das muss ich jetzt einmal betonen, in Wirklichkeit ein anderer ist. Lupine, schon im Halbschlaf, fragte, was los sei, ich brachte kein Wort über die Lippen. Pius hatte mich mittlerweile am beleuchteten Fenster entdeckt und stellte sich in ein paar Metern Entfernung breitbeinig hin. Er wisse, was wir da machten, sagte er mit überraschend klarer Stimme. Er hätte gesehen, wie diese beiden Leute gekommen seien, schon zwei Mal jetzt, er wisse schon, was in diesem Haus vorgehe. Er werde nicht die Polizei rufen, weil es ausser ihm ja keine Zeugen gebe, aber das hier sei nicht der Dschungel, und wenn diese Leute noch einmal vorbeikämen, dann werde er doch die Polizei rufen; wo es keine Zeugen gebe, könne man auch welche beschaffen. Lupine hatte sich im Bett aufgerichtet und fragte mit zusammengekniffenen Augen, wer das sei, und plötzlich bekam ich eine diffuse Angst um sie. „Pius, nur eine Kleinigkeit“, sagte ich zu ihr, und dem Bauern zischte ich zu, ich würde gleich rauskommen, er solle bleiben, wo er sei. Ich zog die Vorhänge zu und schlüpfte hastig in meine Kleider, aber die Zeit, die ich dafür brauchte, reichte ihm, um zu verschwinden. Zurück im Schlafzimmer sah ich noch eine Weile aus dem Fenster, während Lupine gleichmässig atmete. Ob es gut sei, murmelte sie, und ich sagte, es sei gut, und legte mich zu ihr.

Heute erzählte ich ihr beim Frühstück von Pius‘ seltsamem Auftritt. Er sei halt ein einsamer Kerl, schob ich nach, das werde sich schon aufklären. „Hat er wirklich nicht gesagt, was er meint“, fragte Lupine. Ich schüttelte den Kopf, offensichtlich etwas, was er sich einbilde, sagte ich, für Ruhestörung sei die Musik ja wohl zu leise? Sie starrte mich an. „Wir wissen aber nicht, was er sonst noch ausbrütet“, gab sie zurück, „ein paar hundert Meter Luftlinie von uns entfernt“. Gerade bei den freundlichsten Leuten könne man das nicht wissen; wir müssten gemeinsam hingehen, am besten jetzt sofort, und ihn darauf ansprechen. „Der soll erst einmal seinen Rausch ausschlafen“, sagte ich, „im Lauf des Tages wird er bestimmt selber anrufen“. Wie bequem man eigentlich sein könne, rief Lupine aus, und ich sagte gehässig, sie solle nicht fantasieren; von einem Moment auf den nächsten brüllten wir uns an, als vermutete jeder im anderen den verkleideten Pius. Nach einer Weile unterbrach uns ein Piepsen von Lupines Handy. Es tue ihm leid, stand in der SMS, er habe beim Eishockey-Schauen ein paar Bier zu viel getrunken, ein Kollege habe sich angekündigt und sei dann nicht gekommen. „Er will bestimmt, dass wir zurückrufen“, sagte Lupine, tippte auf den Bildschirm und streckte mir schon das tutende Telefon entgegen. Es blieb keine Zeit für Protest, der Bauer nahm sofort ab, brummelte, ob wir gut geschlafen hätten, er habe im Moment leider keine Zeit zum Plaudern, helfe gerade auf einem Nachbarhof aus. „Ich helfe gern, euch ja auch“, fuhr er fort. „Was wir sehr zu schätzen wissen“, gab ich zurück. Da war es kurz still. Wir seien da ja nicht immer so deutlich, sagte er dann. Im Februar zum Beispiel, als er mir am Bahnhof ungefragt und mitten in der Nacht die Scheiben freigekratzt habe, da wäre ein Danke schon nicht zu viel verlangt gewesen. Und jetzt müsse er leider Schluss machen, nichts für ungut. Ich liess das Telefon sinken und fasste zusammen, was Pius gesagt hatte. „Wenn er das wirklich so sieht, fahre ich gleich ins Dorf und kaufe Blumen“, sagte Lupine betroffen. Ich nickte. „Ruhestörung ist das aber trotzdem gewesen, das kann man nicht wegreden, und das mit dem Scheibenkratzen hat er doch erfunden, was soll das?“ – „Woher weiss er dann davon“, sagte Lupine. Worauf ich etwas murmelte und begann, den Tisch abzuräumen.

Kompostieren, komponieren.

Vorhin habe ich die Bassgeigerin mit dem Kompostkübel hinausgeschickt. Aber nur deshalb, weil sie mir frische Kürbisinnereien unter die Nase gestreckt und gefragt hat, wohin damit? Es fühlt sich noch ein bisschen fremd an, die beiden Musiker in die Hausarbeit mit einzubeziehen. So sei aber die Abmachung, hält die Bassistin freundlich bestimmt fest. Ausserdem tue es ganz gut, zwischendurch den Kopf zu lüften und ein bisschen praktische Arbeit zu erledigen.

Die Bassgeigerin ist ein zarter Mensch; ich glaube, sie beobachtet lieber, als dass sie spricht. Umso erstaunlicher ist es, ihr beim Spiel zuzusehen. Kaum hat sie den Bogen in der Hand, strahlt sie eine Mächtigkeit und Autorität aus, die derjenigen ihres Instruments in nichts nachsteht.

Gestern riefen die beiden uns ins grosse Gästezimmer, als Testhörer, wie sie sagten. Das hier seien bloss erste Skizzen. Der Gitarrist hat sich tatsächlich ein paar Mal verspielt (es sei denn, die beiden komponieren hier sehr unkonventionelle Musik – ich muss sie das nächste Mal darauf ansprechen. Wie es aussieht, kommen sie schon übernächste Woche wieder!) Seine Haltung jedenfalls war ganz bestimmt die des Probierens und Findens: leicht gekrümmt, den Blick fest auf dem Griffbrett, als müsse er sich merken, was die Finger bereits wüssten. Die Bassistin dagegen machte den Eindruck, als würde sie das Stück seit immer kennen. Und um auf das Leeren des Kompostkübels zurückzukommen: Auch das hat sie so aussehen lassen, wie wenn sie davor heimlich geübt hätte. Ist umstandslos in die Gummischuhe geschlüpft, die auf der Fussmatte bereit stehen und eigentlich meine sind, aber natürlich allen zur Verfügung stehen, die sie gerade brauchen. Hat den Kübel fest in der einen Hand gehalten und ist Richtung Waldrand losmarschiert, wo sie eine Handvoll Laub aufgehoben und beherzt den schimmligen Bodensatz ausgekratzt hat, soweit ich das vom Küchenfenster aus verfolgen konnte. Auf dem Rückweg hat sie ein Büschel Salbei mitgebracht, etwas vom Letzten, was im Garten noch zu holen ist. Genau so mache ich es auch immer, dachte ich. Was manchmal, so ungern ich das hier öffentlich bekenne, das grösste Lob ist, das ich für andere habe.

Halloween

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Wenn sie nicht auf YouTube kann, fängt Pinie an zu basteln – „Früher habe ich ständig solches Zeug gemacht!“

Eine Spinne hat im Salon zwischen dem Modem und der Zimmerpflanze ihr Netz gespannt. Um heute Morgen Internet zu haben, müssten wir hineingreifen. Dann halt kein Internet heute, ruft Lupine leichthin. Sie sitzt zwischen den Überresten des Frühstücks am Tisch und schreibt etwas auf. Ich kann den Blick nicht von der fingernagelgrossen Spinne in ihren Fäden abwenden. Den ganzen Sommer keine Spinnen im Haus, rufe ich, und jetzt plötzlich? Wegen Halloween, gibt Lupine zurück und lacht. Weil es kalt wird! Ich schüttle den Kopf. Beim Abräumen schaue ich ihr über die Schulter. Ich dachte, du willst heute etwas posten, sage ich bissig und stosse die Butterdose mit einem Klappern in den Kühlschrank. Die Welt wartet nicht auf uns, sagt Lupine, da kann sie auch noch einen Tag länger nicht warten.

Show, don’t tell.

Es ist niemals ausgesprochen worden, trotzdem weiss ich sicher, dass mein Vater, der pensionierte Koch, in einem Winkel seines Herzens enttäuscht ist von mir. Er war so stolz, als er sah, wie wir das mit der Pension hingekriegt haben. Ich habe ja nichts in der Richtung gelernt (abgesehen davon, dass ich von Kind auf einer gewissen Art zu Handeln und zu Denken, zum Beispiel mit dem anhaltenden Streben nach grösstmöglicher Leistung bei gleichbleibend guter Laune usw. ausgesetzt war). Wir telefonierten fast täglich; es ging um Mengenangaben, die richtige Sorte Frühstücksflocken, geschickte Resteverwertung – und immer auch um das beglückende Gefühl, täglich zu einer neuen Höchstleistung angespornt zu werden. Wenn ich vorsichtig einwarf, diesen Druck nicht immer nur beglückend zu finden, wir hätten ja noch unsere richtigen Jobs daneben, dann bot er an, gleich am anderen Tag herzufahren und auszuhelfen, kein Problem! Der Anfang sei hart, da müssten wir jetzt durch. Als ich ihm schliesslich gestand, wir hätten uns anders entschieden, sagte er mit erhobenen Händen, es sei unsere Sache, wir seien erwachsen. Aber neuerdings wirkt seine Neugierde angestrengt, unsere Telefonate sind weniger leichtfüssig, ich glaube fast, ihm fallen keine Fragen mehr ein, weil sich meine Tage nun wieder so sehr von dem unterscheiden, was er selber kennt. So sind die Väter, tröste ich mich. Auch wenn sie es noch so gut meinen; für das, was ausserhalb ihrer Erfahrungswelt liegt, scheinen sie auf einem Auge blind zu sein. Dann erinnere ich mich an meinen Bruder, der beim Film arbeitet, wo die Maxime gilt: Show, don’t tell. Du musst es ihm zeigen!, sagt er. Tu ich ja, murre ich. Ich poste doch die ganzen Berichte, nicht zuletzt für die, die sich keinen Begriff davon machen, wie viel Einsatz und praktische Hingabe die Zurückgezogenheit erfordert. Gestern zum Beispiel war ich den ganzen Vormittag im Garten, Laub zusammentragen, das war keine leichte Arbeit (es ist unfassbar, wie viel Laub jedes Jahr produziert wird, und wer räumt alles auf?). Nach dem Mittagessen rettete ich eine Anzahl Insekten. Zuerst die aus dem Brunnen und aus der Pfütze gleich daneben. Nachher noch die, welche Knorz in die Falle gegangen sind, die er neben der Früchteschale aufgestellt hat. Angesichts des ungeheuerlichen Insektensterbens unserer Zeit eine wichtige Aufgabe, eine der wichtigsten im Moment, möchte ich meinen. Aber schlecht honoriert, gerade von älteren Leuten nicht. Darüber will ich hinwegsehen. Wenn die Generation Waldsterben die Dringlichkeit eines neu auftauchenden Problems trotz Berichterstattung auf allen Kanälen kleinredet, liegt das doch nur daran, dass die Älteren sich immer schon schwer getan haben, die Herausforderungen zu sehen, welche die Jüngeren treffen. Das darf uns nicht davon abhalten, Prioritäten zu setzen, über die unsere Väter die Köpfe schütteln.

Insektensterben